Kopfgrafik
 
 

bpt Campus Leserbriefe

Alle Leserbriefe, die uns erreichen, werden hier wiedergegeben. Die Redaktion haftet nicht für den Inhalt.

Zur Oktober-Ausgabe 2013

01.02.2014

Liebe Redakteure von bpt Campus,  

erst einmal vielen Dank für den Artikel „Wozu mündliche Prüfungen?“, der ein Thema aufgreift, was viele Tiermediziner während ihres Studiums laufend beschäftigt.  

Im Text wurde zwar die Prüfungssituation, bei der ein Professor über mehrere Wochen sämtliche Studierende in seinem Fach prüft, ausführlich beleuchtet. Die Probleme, die sich aus den zahlreichen vorklinischen mündlichen Testaten ergeben, jedoch nicht. Dabei sind gerade die mehrmals oder gar wöchentlich stattfindenden Testate die größte Hürde der Studenten der unteren Semester und sind auch einer der Hauptgründe für einen Abbruch des Studiums.  

Anders als bei den „großen mündlichen Prüfungen“ am Ende des Semesters finden die Testate oft in kleinen Gruppen statt und der Prüfer ist vorher i.d.R. nicht bekannt, da die Verteilung der Prüfungsgruppen auf die Dozenten ausgelost wird oder die Prüfer, die z.B. in Biochemie oder Physiologie ein Thema prüfen, wechseln können. Zu diesem Thema möchte ich ein paar Fragen aufwerfen:  

Warum bekommen manche Studierende ein oder zwei Prüfungsfragen und fallen durch, wenn sie eine oder beide Fragen falsch beantworten, während andere Prüflinge vier oder fünf Fragen bekommen, um ihr Wissen unter Beweis zu stellen?  

Warum muss ich für Professor xy aus einem ganz bestimmten Buch lernen, um gut durch die Prüfung zu kommen, während man sich für Dozentin yz mit ihrem selbst verfassten Skript vorbereiten muss, um gute Chancen auf das Bestehen des Testates zu haben? 

Warum muss ich den Prüfern möglichst nach dem Mund reden, um keine Diskussionen, die in der Regel zum Nachteil des Prüflings ausfallen, zu riskieren, obwohl der Prüfer zum Teil Dinge erzählt, die in den einschlägigen Fachbüchern anders stehen?  

Warum können sich Mitarbeiter eines Instituts nicht wenigstens für das Testat oder die Prüfung bei strittigen Fachfragen auf eine gemeinsame Antwort einigen, anstatt jeder seine eigene Meinung zu vertreten (die oft nicht in den Büchern steht und deswegen auch nicht gewusst werden kann!) und vom Studenten zu erwarten, er hätte für jeden Prüfer die ihm am liebste Antwort parat? Ich weiß, dass die Angleichung akademischer Lehrmeinungen im universitären Umfeld schwer fällt, es kann allerdings nicht sein, dass die Studenten unter den internen Streitigkeiten leiden müssen!   

Warum gehören Kommentare, die an Beleidigungen grenzen (sowohl vom Prüfling als auch, öfter noch, vom Prüfer) noch nicht der Vergangenheit an?  

Der Sinn jeder Prüfung sollte sein, dass der Student sich anhand von Büchern und den Vorlesungen (andere Quellen hat er nämlich nicht!) die allgemein akzeptierte Lehrmeinung und den Prüfungsstoff gründlich aneignet und in der mündlichen Prüfung schlüssig darlegen kann. Bei vielen Prüfern funktioniert diese Art des Testats und der Testatsvorbereitung gut.  

Man kann allerdings von keinem Studenten erwarten, dass er auf die individuellen Vorlieben mancher Prüfer Rücksicht nimmt, wenn er vorher nicht wissen kann, welchen Dozenten er im Testat bekommt! Abseits dessen ist der Sinn des Studiums das Lernen von Grundlagen für die spätere tierärztliche Praxis und nicht das Vertreten von bestimmten Meinungen eines Lehrstuhls Leider sind die oben beschriebenen Situationen keine Einzelfälle, sondern kommen oft, nahezu regelmäßig vor. Viele Prüfer machen ihren Job gut, manche Prüfungen machen sogar Spaß und gleichen mehr einem Plausch über ein fachliches Thema. Um die Situation in Zukunft fairer zu gestalten, würde ich folgendes vorschlagen:

  • Pro Testat/Prüfung sollten jedem Studenten die gleiche Anzahl an Fragen zustehen. Hinzu kommen können noch Fragen, wenn ein Prüfling auf der Kippe steht und der Prüfer ihm eine zusätzliche Chance gewähren will.
  • Es sollte jedem Studenten selbst überlassen werden, wie er sich auf eine Prüfung/ein Testat vorbereitet und es wäre schön, wenn jeder Prüfer mit dem Stoff der gängigen Lehrbücher konform geht.
  • Strittige Themen der Lehre sollten vor dem Testat von den Prüfern intern besprochen und sich auf eine einheitliche Meinung geeinigt werden, dazu muss man vielleicht auch mal über seinen eigenen Schatten springen – zum Wohle der Studenten.
  • Beleidigungen von beiden Seiten haben in einer universitären Prüfung nichts zu suchen!  

Nun zum Thema „Mündlich – ja oder nein?“. In Anatomie ist eine mündliche Prüfung am anatomischen Präparat zum Beispiel durchaus sinnvoll. Das Auswendiglernen von Fotos aus Büchern kann das Wiederfinden und Darstellen der verschiedenen Strukturen am Präparat nicht ersetzen und legt hier den Grundstein für die spätere (chirurgische) Praxis.   Bei anderen Themen (zum Beispiel Biochemie und Physiologie) kann das Verständnis des  Stoffes meiner Meinung nach auch durch klug gestellte Fragen in einer schriftlichen (nicht MC!) Klausur überprüft werden (und wenn ein Dozent pro Tag nur eine Prüfungsgruppe von weniger als zehn Leuten hat, hält sich der Korrekturaufwand auch in Grenzen).

Jetzt eine Frage zur vertretenen Meinung, bei MC-Klausuren würde der Stoff nur für die Klausur gelernt und gleich wieder vergessen: Wie geht es einem Studenten, der innerhalb einer Woche ein ganzes biochemisches Stoffkapitel samt Strukturformeln, gezeichneten Stoffwechselwegen und Nachweismethoden für ein mündliches Testat lernen muss? Wird er erstmal seine Grundlagen festigen und dann zusätzlich zu den Fakten intensiv auf Verständnis lernen, um das Ganze bis zum Physikum zu behalten? Ja, wird er, wenn er ein Talent für das Fach hat oder er als Folge dessen nicht mehr in seine Vorlesungen geht, seine sozialen Kontakte auf Eis legt und wenig schläft. Die überwiegende Mehrheit wird allerdings nur auf das Testat hin lernen, ab und zu in die Vorlesungen gehen, vielleicht an einem Abend der Woche sich mit Freunden treffen, mehr oder weniger genug schlafen und damit auf Dauer gesünder und motivierter leben.  

Dieses Beispiel soll einfach verdeutlichen, dass mündliche Prüfung nicht gleich „Lernen auf Verständnis und Gedächtnis“ heißt. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte vielmehr die Stoffmenge reduziert und manche Themen, die für die Praxis irrelevant sind und nur des Faches wegen gelernt werden, gestrichen werden.  

In diesem Sinne bitte ich die Prüfer und Dozenten, sich Gedanken zu einem faireren Ablauf der mündlichen Prüfungen zu machen und sich mehr untereinander abzusprechen. Motiviertere Studenten, denen manche Empörung und Träne nach der Prüfung oder dem Testat erspart bleiben, werden es Ihnen danken!                                                                                                

eine Studentin des dritten Semesters

-----------------------------------------------------------------------

(Kommentar zu den früheren Leserbriefen:)

17.12.2013

Ich möchte einige der angesprochen Punkte kommentieren, da diese so nicht im Raum stehen bleiben sollten.  

… unsinnigsten Details auswendig lernen … (Anmerkung der Redaktion: Die Zitate aus vorigen Leserbriefen sind hier kursiv gestellt.)

Ich weiß nicht, ob Sie beurteilen können, ob die Details unsinnig sind. Und glauben Sie nicht, dass in einer mündlichen Prüfung keine Details gefragt werden.  

… Der Prüfer kann helfen und leiten, wenn es in der Prüfung einmal nicht weiter geht. … mündlichen Prüfungen bei nervösen Studenten das Fragenniveau langsam steigern, um dem verunsicherten Prüfling den Einstieg zu ermöglichen und die Angst zu nehmen. ….

Richtig ist, dass in einer MC (=Multiple Choice, Anm. d. Redaktion) Prüfung niemand Hilfsfragen stellen kann. Dafür sind die abgefragten Punkte in ihrem Umfang viel kleiner als das eine oder die zwei großen Themen einer mündlichen Prüfung. In diesen mündlichen Prüfungen hört man öfter „tut mir leid, aber das ist einfach nicht mein Thema“ oder „genau das habe ich nicht mehr geschafft richtig zu lernen“. Ja, was tun mit ein oder zwei Griffen in das vielbeschworene „Klo“? In einer mündlichen Prüfung kann man auch verlieren. Da gibt es in einer MC Klausur viel mehr Chancen, auf vielen Gebieten zu punkten. Die Prüfung ist breit angelegt, so dass alle größeren Themenbereiche erfasst werden können.

Nervöse Studenten sind aller Erfahrung nach in einer mündlichen Prüfung weitaus gestresster als in einer schriftlichen. Da kommt nämlich neben der Angst, nicht zu bestehen, noch die Angst vor dem Prüfer dazu, und manche Prüfer haben einen besonderen Ruf, und wenn man dann vor dem „Angstgegner“ sitzt, ist der Blackout vorprogrammiert (ob mit oder ohne Beisitzer). Hier haben Studenten mit einem Kommunikationstalent einen klaren Vorteil. Aber nicht jeder kann sich oder sein Thema gut verkaufen und bekommt deswegen häufig eine schlechtere Note als jemand, der das besonders gut kann. Das ist auch nicht gerecht.

 …. Druck auf Studenten mit Prüfungsangst steigt …

..…psychologisch-therapeutischen Beratung …

Auch zu meiner Studienzeit (vor gefühlten 100 Jahren) gab es diverse Kommilitonen, die die psychologische Beratung brauchten und wahrgenommen haben (aus vielerlei Gründen). Aber man hatte zu der Zeit auch Panik, dem einen oder anderen besonders „bösen“ Prüfer ausgesetzt zu sein. Die heutige Erfahrung ist, dass die Schwelle, zur Erstprüfung anzutreten, bei MC Klausuren erheblich niedriger ist. Vor den mündlichen Prüfungen melden sich von 250 bestimmt 20 krank und bei den Klausuren sind es ca. 5.

 À propos Freizeit: Ist der Aufwand für einen Professor tatsächlich gleich, wenn er eine MC-Klausur erstellt oder vier Wochen lang täglich Studenten prüft? Werden wir hier nicht in ein Prüfungssystem gezwungen, das den Aufwand verringert, den Professoren weniger Arbeit macht und somit Geld sparen kann?

Tut mir leid, aber nur weil ein Professor nicht prüft, heißt nicht, dass er dann mehr oder gerade dann Freizeit hat. Wir Professoren haben sowieso mehr Arbeit, als wir bewältigen können, und wenn wir nicht prüfen, dann schreiben wir vielleicht eine Empfehlung für Cornell, korrigieren eine Doktorarbeit oder schreiben einen Antrag auf Forschungsgelder. Außerdem macht das Erstellen einer guten MC Klausur (in der selbstverständlich auch Verständnis geprüft werden kann) sehr, sehr viel Arbeit. Alle Fragen gehen durch ein fachgebietsinternes Review, in dem alle mitprüfenden Kollegen die Fragen und Antwortmöglichkeiten der Kollegen anschauen und ggf. korrigieren. Außerdem ist die Zeit nicht zu vergessen, die nach einer Klausur noch investiert werden muss, zum Beispiel die Beantwortung von Einsprüchen.  

… Umfragen unter tierärztlichen Praktikern den Zeugnisnoten aus dem Studium wenig Wert beigemessen wird, so könnte eine Ursache dafür sein, dass die Tierärzte sich an ihre eigene Studienzeit erinnern und nachempfinden können, dass es einfach zu viele und zum Teil redundante MC-Prüfungen waren, in denen unsinnigste Details anstatt von fachlichem Gesamtverständnis abgeprüft wurden.

In meinem Studium hatten wir nur mündliche Prüfungen und ich musste meine Zeugnisse in der Praxis auch nie vorzeigen. Da kommt es darauf an, ob jemand die Arbeit sieht, ein Händchen für die Tiere und ihre Besitzer hat und ob die Chemie mit dem vorhandenen Team stimmt. Alle diese Dinge kann ein Zeugnis mit Noten nicht abbilden.  

… mitdenkende Absolventen auszubilden, die ihr Fach verstanden haben. Denn leider sind MC-Klausuren nicht die beste Vorbereitung für die Praxis …  

… möglichst viel Detailwissen in kürzester Zeit ins Gehirn zu pressen und dieses Wissen nach der Klausur möglichst schnell zu vergessen, um für die nächsten 500 Seiten unwichtiger Details Platz zu schaffen! Das Verständnis bleibt auf der Strecke!

Auch für MC Klausuren kann man so lernen, dass man etwas verstanden hat. Jeder, der nicht gerade nur für die bevorstehende Klausur oder mündliche Prüfung lernt, wird seinen Prüfungsstoff nicht bereits nach einer Woche wieder vergessen haben. Auch zu meiner Studentenzeit, in der wir nur mündliche Prüfungen hatten, kursierte in Gießen der hier stark gekürzte Witz unter uns Studenten, der die Unterschiede im Fachgebiet auf das Korn nahm:

Prof sagt zu Student „hier das Telefonbuch ist zu lernen“. Geisteswissenschaftler antwortet „warum“ und will alles diskutieren. Tiermediziner antwortet „bis wann?“

Ich habe sicher nicht alles bedacht, und vieles könnte oder sollte man noch näher beleuchten. Mir ist aber heute wichtig klarzustellen, dass auch die mündliche Prüfung ihre Tücken hat. Die Notengebung habe ich selbst damals als ausgesprochen undurchsichtig empfunden. In den Fächern, in denen ich mich als sehr gut vorbereitet eingeschätzt hatte, gab es häufig nur die Dreier oder Vierer und umgekehrt habe ich manchmal in Fächern Zweien (oder gar ein einziges Mal auch eine Eins) bekommen, wo ich meinen Wissensstand viel schlechter eingeschätzt hatte. Beide Systeme, mündlich und schriftlich, haben Vor- und Nachteile und sind in mancher Hinsicht unbefriedigend. Aus diesem Grund muss man einfach von Zeit zu Zeit neue Modelle ausprobieren, in der Hoffnung den Spagat zwischen Objektivität, Gerechtigkeit und persönlicher Behandlung irgendwann zu verkleinern.

Prof. Dr. Christiane Pfarrer, Anatomisches Institut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

 

*********************************************************

11. November 2013  

Sehr geehrte Damen und Herren,  

gerne folgen wir Ihrem Aufruf, zu dem Artikel „Wozu mündliche Prüfungen?" in der bpt Campus Ausgabe Nr. 26 Stellung zu nehmen. Wir haben uns sehr gewundert, warum zu diesem Thema, welches doch hauptsächlich die Studierenden betrifft, nur Professoren und Verwaltungsangestellte befragt wurden. Denn die Meinung der Studierenden zum Thema Multiple-Choice-Klausuren (MC-Klausuren) ist bei weitem heterogener, als es unter den Befragten der Fall zu sein scheint. So wird an der TiHo Hannover bei Abstimmungen im Fachgebiet Pharmakologie seit Jahren die mündliche Prüfung gegenüber der MC-Klausur von Studierenden bevorzugt.

Sicherlich kennt jeder Studierende einen Kommilitonen oder eine Kommilitonin, der oder die schon einmal schlechte Erfahrungen mit einer mündlichen Prüfung gemacht hat. Doch sind die Erfahrungen mit MC-Klausuren oft nicht anders: so steht dem Mangel an Objektivität von Prüfenden in mündlichen Prüfungen das weit verbreitete Unvermögen, angemessene MC-Prüfungsfragen zu entwickeln, gegenüber. Einige Klausuren werden von einem großen Teil der Studierenden mit „sehr gut" bestanden, während andere Klausuren eine hohe Durchfallquote aufweisen. Solche Fälle gibt es sogar in dem gleichen Fach in zwei aufeinanderfolgenden Jahrgängen oder zwischen Erst- und Zweitversuch. Wo bleibt da die angepriesene Vergleichbarkeit? Denn der so unterschiedliche Ausfall von Klausurergebnissen ist sicherlich nicht nur dem Lernverhalten der Studierenden geschuldet.

Es gibt Klausuren, deren Fragen sehr verschachtelt gestellt oder mit doppelten Verneinungen versehen sind, sodass trotz sicheren Wissens die richtige Antwort nur schwierig identifiziert werden kann. Manchmal kommt man mit Raten weiter als mit Wissen! Wieder andere Klausuren enthalten einen hohen Anteil an Altfragen (Fragen, die in vorherigen Jahrgängen bereits gestellt worden sind und unter den Studierenden weitergegeben werden). Es kommt sogar vor, dass die erste Wiederholungsklausur in einem Fach bis auf wenige Fragen exakt der Erstklausur entspricht. Wo bleibt also die Fairness, wenn jemand mit dem Wiedererkennen von Altklausurfragen in der ersten Wiederholungsklausur besser abschneidet als jemand, der sich auf den Erstversuch intensiv vorbereitet hat? Vor diesem Hintergrund ist es auch fraglich, wie sinnvoll es ist, dass Fragen für MC-Klausuren teilweise von Doktoranden erstellt werden, während mündliche Prüfungen aus gutem Grund nur von den Lehrenden durchgeführt werden. Einerseits gibt es Fächer, in denen das reine Auswendiglernen von Fakten wie z.B. rechtliche Grundlagen im Vordergrund steht. Hier hat eine MC-Klausur sicherlich ihre Berechtigung, da man bei dieser Prüfungsform einen großen Stoffumfang einfach und stichprobenartig abfragen kann. Andererseits geht es in Fächern wie Pharmakologie, Physiologie und Biochemie um das Verständnis von Zusammenhängen. Mit einer MCPrüfung ist dieses Verständnis unserer Meinung nach nicht überprüfbar.  

Das wichtigste Ziel einer Prüfung und des gesamten Studiums sollte nicht die gute Note, der einfachere Lernaufwand oder die geringere Inanspruchnahme von Institutsmitarbeitern, sondern der langfristige Lernerfolg sein. Fragt man die Studierenden, wie sie sich auf eine MC-Klausur vorbereiten, so erfährt man, dass die meisten „auf Wiederkennung“ lernen und das Gelernte nach wenigen Tagen wieder vergessen ist. Dieses Phänomen können sicher auch viele Professoren bestätigen. Demgegenüber steht das Lernen „auf Verständnis“, wie es für mündliche Prüfungen nötig ist. Das Gelernte wird länger behalten und kann auch fächerübergreifend angewendet werden.  

Wenn die MC-Prüfung - wie in Ihrem Artikel beschrieben - die objektivste Form der Prüfung sein soll, so stellt sich doch die Frage, warum bei uns an der TiHo Hannover laut Prüfungsordnung die zweite Wiederholungsprüfung verpflichtend mündlich durchzuführen ist. Die TappV schreibt jedoch vor, dass in der zweiten Wiederholungsprüfung ein Beisitzer anwesend sein muss. Die Sorge um die Aussagekraft einer mündlichen Prüfung scheint also stark von der Anwesenheit eines Beisitzers abhängig zu sein. Wäre es da nicht im Sinne der Objektivität die beste Lösung, Beisitzer bereits in der Erstprüfung verpflichtend zu machen? Dadurch bliebe nur noch das Problem der Prüfungsangst. Mündliche Prüfungen begegnen Tiermedizinern nicht nur im Studium, sondern auch bei der Verteidigung der Doktorarbeit oder im Rahmen der Fortbildung zum Fachtierarzt. Ist für Menschen mit Prüfungsangst das Vermeiden von Prüfungen also die beste Lösung oder wäre eine gezielte Therapie nicht vielleicht sinnvoller? Schließlich sind gute kommunikative Fähigkeiten später auch bei unangenehmen Gesprächen mit Patientenbesitzern oder Vorgesetzten gefragt.  

Wir wissen, dass auch die mündliche Prüfung nicht nur Vorteile hat. Jedoch finden wir, dass der ungenannte Autor des besagten Artikels sich sehr einseitig für MC-Klausuren ausgesprochen hat. Deshalb möchten wir mit diesem Leserbrief auch einmal die Kehrseite der Medaille beleuchten. Vielleicht gibt es die perfekte Prüfungsform einfach noch nicht. Verbesserungswürdig ist die derzeitige Situation in jedem Fall.  

In diesem Sinne: Warum wird den Zeugnisnoten aus dem Studium von tierärztlichen Praktikern so wenig Wert beigemessen? (eine Antwort trifft (sicherlich) zu)

a) Sie haben in ihrer eigenen Studienzeit das Prüfungssystem als unfair empfunden

b) Ihnen sind praktische Fähigkeiten wichtiger

c) Sie haben eine zu geringe Bewerberanzahl

d) Sie wissen um die Probleme der Aussagekraft von Noten in jeder zurzeit angewendeten Prüfungsform  

Mit freundlichen Grüßen,  

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

 

********************************************  

19. November 2013    

Wozu mündliche Prüfungen? Darum!

„Es ist wahr: Tiermedizin ist einer der Studiengänge mit der größten abzuprüfenden Stoffmenge, mit der höchsten Prüfungsanzahl und -dichte." Muss es also sein, dass das Studium so viele elektronisch-schriftliche Prüfungen verlangt, für die der Prüfling die unsinnigsten Details auswendig lernen soll?    

Früher war´s ... doch besser

Mündliche Prüfungen erfordern einen höheren, aber sinnvolleren Lernaufwand für den Studenten, da er verstehen muss, was er lernt. Es kommen immer Rückfragen, um herauszufinden, ob man das Thema verstanden hat und in einen Gesamtkontext einordnen kann. Der Prüfer kann helfen und leiten, wenn es in der Prüfung einmal nicht weiter geht. Falls man bei einer MC-Klausur (=Multiple-Choice, Anmerkung der Redaktion) auf dem Schlauch steht, ist es nicht erlaubt, Rückfragen zu stellen. Dies könnte ja unfair sein. Auch lässt sich in mündlichen Prüfungen bei nervösen Studenten das Fragenniveau langsam steigern, um dem verunsicherten Prüfling den Einstieg zu ermöglichen und die Angst zu nehmen. Dies ist aus Motivationssicht besser, als wenn man vor einer MC-Klausur sitzt und die ersten 20 Fragen nicht beantworten kann.  

„Doch Coolness punktet": ich wusste bisher noch nicht, dass man Prüfungen mit Coolness statt mit Wissen bestehen kann. Auch dem am meisten geblendeten Prüfer wird beim Rückfragen auffallen, ob der Student gut vorbereitet ist oder nur so tut. Und ist es nicht auch so, dass man im späteren Leben lernen muss, sich gut zu präsentieren. Wo sonst sollte man dies lernen?   Den Punkt „Gesichtsmassage betreiben" kann ich aus eigener Erfahrung widerlegen: Wenn es nicht sein muss und die Vorlesung nicht die entsprechende Qualität aufweist, gehe ich auch nicht hin. Komischerweise sind die Ergebnisse der Prüfungen umso besser, je seltener ich bei den Vorlesungen war. Wer kann sich auch die Gesichter von ca. 240 Studenten merken?  

Nachteile von elektronisch-schriftlichen Prüfungen

MC-Klausuren sollen fairer sein, den Aufwand f   ür die Professoren verringern und Menschen mit Prüfungsangst den Druck nehmen. Aber erhöhen sie auch die Qualität der ausgebildeten Studenten? Meines Erachtens ist das mitnichten der Fall. Da ich selbst seit einigen Jahren als Student von dem „Multiple Choice"-Verfahren betroffen bin, kann ich von meinem Standpunkt aus folgendes berichten: Eine MC-Klausur ist schneller vorbereitet, Altfragen können recycelt und die Fragen rechtlich abgesichert werden. Bei diesem Prüfungstypus geht es vorwiegend darum, eine der vorgegebenen Antworten zu erkennen, oft nach dem Prinzip „das habe ich schon einmal gelesen/gehört". Des Weiteren werden die MC-Fragen mit den Jahren nicht unbedingt sinnvoller. Die Fragen der MC-Klausuren werden von den Studenten gesammelt und an die Folgegeneration weitergegeben, was den Prüfern bekannt ist. Aufgrund dessen werden immer abwegigere und „unsinnigere" Fragen in den Klausuren gestellt. Somit werden die Studenten zum unreflektierten Auswendiglernen ganzer Bücher erzogen. Verständnis Fehlanzeige. Der Druck auf Studenten mit Prüfungsangst steigt: Wie kann man es ins kürzester Zeit bewältigen, ein Buch komplett auswendig zu lernen? Interessierte können einmal bei der psychologisch-therapeutischen Beratung nachfragen, wie hoch der Anteil der Tiermedizinstudenten dort ist. Soviel sei verraten: Ohne uns hätten sie wahrscheinlich um einiges mehr an Freizeit!  

À propos Freizeit: Ist der Aufwand für einen Professor tatsächlich gleich, wenn er eine MC-Klausur erstellt oder vier Wochen lang täglich Studenten prüft? Werden wir hier nicht in ein Prüfungssystem gezwungen, das den Aufwand verringert, den Professoren weniger Arbeit macht und somit Geld sparen kann?  

Wenn bei Umfragen unter tierärztlichen Praktikern den Zeugnisnoten aus dem Studium wenig Wert beigemessen wird, so könnte eine Ursache dafür sein, dass die Tierärzte sich an ihre eigene Studienzeit erinnern und nachempfinden können, dass es einfach zu viele und zum Teil redundante MC-Prüfungen waren, in denen unsinnigste Details anstatt von fachlichem Gesamtverständnis abgeprüft wurden.  

Es wäre wohl im Sinne des Arbeitsmarktes als auch im Interesse der Studenten, mitdenkende Absolventen auszubilden, die ihr Fach verstanden haben. Denn leider sind MC-Klausuren nicht die beste Vorbereitung für die Praxis, da Patientenbesitzer ihr Tier nicht mit „Mein Hund frisst nicht, dies könnte Antwort a., b., c., d. und/oder e. als Grund haben" vorstellen.  

Die Hochschulen sind auf dem falschen Weg. Gleichberechtigung und „Antidiskriminierung" gut und schön, aber was bringen diese, wenn die Studenten das Einordnen in den Gesamtkontext, das Verknüpfen von Zusammenhängen sowie das logische Denken verlernen?! Im Moment läuft es darauf hinaus, Studenten beizubringen, möglichst viel Detailwissen in kürzester Zeit ins Gehirn zu pressen und dieses Wissen nach der Klausur möglichst schnell zu vergessen, um für die nächsten 500 Seiten unwichtiger Details Platz zu schaffen! Das Verständnis bleibt auf der Strecke!  

Ein/e Student/in der TiHo (die/der namentlich nicht genannt werden möchte)

 
 
 
 
 
 

© Bundesverband Praktizierender Tierärzte e.V.