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20.10.2016

Präsidenten der britischen Tierärzteverbände warnen Premierministerin vor negativen Brexit-Folgen

Brexit

Die Präsidenten des Royal College of Veterinary Surgeons (RCVS) und der British Veterinary Association (BVA) haben am Dienstagnachmittag mit dem nachstehenden offenen Brief die britische Premierministerin Theresa May vor den negativen Auswirkungen des Brexits auf den tierärztlichen Berufsstand und die öffentliche Gesundheit im Vereinigten Königreich gewarnt.

Offener Brief

Sehr geehrter Premierminister,  

wie alle Berufe und Wirtschaftszweige sind wir derzeit an detaillierten Diskussionen darüber beteiligt, wie sich der Brexit auf unsere Mitglieder auswirken wird und wie wir die sich bietenden Chancen, am besten nutzen können. Wir sind sehr daran interessiert, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um einen Erfolg aus dem Brexit für unseren Berufsstand zu machen. Der tierärztliche Beruf spielt eine wichtige Rolle beim Schutz der öffentlichen Gesundheit und setzt dabei stark auf EU-Absolventen. Doch wir spüren bereits die Auswirkungen des EU-Referendums.  

Es gibt im Vereinigten Königreich mehr als 26.000 Tierärzte und über 11.000 Tierarzthelfer/innen, die zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlergehens von Tieren, zur Überwachung und Bekämpfung der Ausbreitung von Krankheiten und zur Sicherung der Lebensmittelsicherheit beitragen. 50 Prozent der Veterinärmediziner, die sich alljährlich im Vereinigten Königreich registrieren, um praktizieren zu können, kommen aus dem Ausland, wobei die überwiegende Mehrheit aus der EU stammt. Tierärztinnen und Tierärzte aus der EU leisten einen herausragenden Beitrag für die gesundheitsrelevanten Aufgaben, wie durch ihre Arbeit in den staatlichen Veterinärdiensten. Im Fleischhygiene-Bereich stammen einigen Schätzungen zufolge 95 Prozent der Tierärzte aus dem Ausland. Folglich könnten der Brexit und begleitende Änderungen des Systems der gegenseitigen Anerkennung oder Einwanderungsbeschränkungen einen tiefgreifenden Einfluss auf die tierärztlichen Arbeitskräfte haben.  

Wir prüfen derzeit, wie die potenziellen Auswirkungen auf die tierärztlichen Arbeitskräfte am besten zu bewältigen sind, und freuen uns, diese Fragen rechtzeitig mit den zuständigen Ministerien besprechen zu können. Doch noch bevor Artikel 50 ausgelöst wird, erleben wir einen negativen Einfluss auf die bereits vorhandenen tierärztlichen Arbeitskräfte.  

Wir haben Berichte erhalten, dass die zunehmende Konzentration auf ausländische Arbeitnehmer zu persönlichen Belastungen einzelner Mitglieder des tierärztlichen Berufs führt, die in Großbritannien leben und arbeiten. Es gibt auch Berichte über negative Auswirkungen auf die Rekrutierung und Bindung von Mitarbeitern: Diejenigen, die an gesundheitsrelevanten Aufgaben wie der Fleischhygiene beteiligt sind, haben zunehmend Schwierigkeiten, dringend benötigte EU-Tierärzte für die Arbeit im Vereinigten Königreich einzustellen. Führende Experten aus dem Ausland lehnen Beschäftigungsangebote britischer Spitzenuniversitäten ab und viele andere erwägen, das Vereinigten Königreich zu verlassen, weil sie das Gefühl haben, als Ausländer nicht mehr willkommen zu sein. Es besteht die Gefahr, dass die ausländerfeindliche Sprache und Rhetorik rund um den Brexit, neben der anhaltenden Unsicherheit für nicht-britische EU-Bürger, die Fähigkeit des tierärztlichen Berufsstands, seine wesentlichen Aufgaben zu erfüllen, ernsthaft beeinträchtigen könnte.  

Die Regierung hat Berufe wie die unsrigen ermutigt, sachliche Daten zu den EU-Migrationsfragen vorzulegen, damit Sie die Herausforderungen, denen sich das Land gegenübersieht, voll und ganz verstehen können. Die RCVS hat damit begonnen, detaillierte Untersuchungen über die Auswirkungen vorzunehmen, die der Brexit auf die im Beruf tätigen Personen und damit verbundenen auf die tierärztlichen Arbeitskräfte hat. Wir halten Ihre Beamten über die Untersuchungsergebnisse auf dem Laufenden.  

In der Zwischenzeit bekräftigen wir unsere Forderung an die Regierung, den Status von nicht britischen EU-Tierärztinnen und Tierärzten, die derzeit in Großbritannien arbeiten und studieren, zu schützen, und fordern die Minister auf, sich der negativen Auswirkungen der als "anti-ausländisch" wahrgenommenen Rhetorik bewusst zu sein. 

Wir setzen uns gemeinsam mit Ihnen dafür ein, die Chancen des Brexits für Tiergesundheit und Tierschutz, Gesundheitswesen und Veterinärforschung zu identifizieren und unsere gemeinsame Vision zu realisieren, dass das Vereinigte Königreich auch künftig in diesen Bereichen eine führende Rolle spielen wird, und sind bestrebt, mit Ihnen und Ihren Kollegen während der Verhandlungen eng zusammen zu arbeiten.  

Mit freundlichen Grüßen  

Chris Tufnell, President, Royal College of Veterinary Surgeons
Gudrun Ravetz, President, British Veterinary Association

Offener Brief im Original


 
 
 
 
 
 

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