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02.01.2018

Praktiker 4.0:

Wie wirkt sich der Strukturwandel auf die Tierarztpraxen aus?

Unbestreitbar ist die Tierarztbranche im Umbruch. Doch es ist ein Strukturwandel, der nicht allein von „außen“ kommt. Die Tierärzteschaft selbst verändert sich. Deshalb seien die Tierärzte als Freier Beruf auch in der Pflicht, den Strukturwandel selbst zu gestalten, hieß es auf dem bpt-Kongress 2017 in München. Eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland suchte nach Wegen.  

Externe Treiber

Es gibt eine Reihe externer „Treiber“ des Strukturwandels, die sich in den drei Ländern nicht wesentlich unterscheiden: Die boomende Dienstleistungsgesellschaft verlangt mehr Kundenorientierung. Aus dem Arzt wird in der Erwartungshaltung ein Dienstleister. Der Berufsstand selbst aber sieht sich primär als Heilberuf mit der Verantwortung für die Gesundheit von Tieren und auch Menschen.  

Gleichzeitig verändert die Digitalisierung nicht nur Service- und Arbeitsabläufe, sondern auch „Wissen“. Daraus erwachsen neue Ansprüche an die Kommunikationsfähigkeit der Tierärzte. Beides zusammen verlangt von praktizierenden Tierärzten eine neue Vernetzung (sowohl technisch als auch durch neue Kooperationsformen). Fachliche Spezialisierungen verändern die Praxislandschaft. Die Möglichkeiten der Apparatemedizin erhöhen gleichzeitig den Kostendruck. Insbesondere Einzelpraxen können den Anforderungen nur kaum noch gerecht werden.

Feminisierung des Tierarztberufes

Am stärksten als Problem wahrgenommen wird aber in allen drei Ländern eine – von Praxen und auch Verbänden nicht zu beeinflussende – gesamtgesellschaftliche Veränderung der Werte. Sie trifft auf eine „Feminisierung“. In der Kombination hat das für die Praxislandschaft Konsequenzen (Zahlen siehe auch Kasten), die der österreichische Kammerpräsident Kurt Frühwirth als „Paradigmenwechsel von der Berufung zum Beruf“ beschrieb: Der Tierarztnachwuchs ist weiblich: Der Frauenanteil bei den Tiermedizinstudierenden liegt über 80%. Die Tierärztinnen wollen ganz überwiegend angestellt arbeiten. Entsprechend hoch ist bereits heute der Frauenanteil unter den Angestellten der Tierarztpraxen: 77% in Österreich und 83 % in Deutschland.  

Besondere Form des „Tierarztmangels“

Damit einher geht ein klar erkennbarer Trend zur Teilzeitarbeit. Die Konsequenz: Es wird künftig einen „Tierarztmangel“ geben. Allerdings nicht an Personen – die Gesamtzahl der Tierärzte ist seit Jahren in den drei Ländern annähernd gleich oder sogar steigend. Aber es entsteht ein Mangel an „Gesamtleistungskapazität“, wie es die Schweizer nennen – eine „Teilzeitlücke“: Um die Arbeitsleistung eines Vollzeitarbeitenden zu erbringen, sind selbst bei vermeintlichem 50:50 Jobsharing immer mehr als zwei Arbeitskräfte nötig.

Weniger selbständige Tierärzte

In allen drei Ländern erwartet man außerdem aufgrund der Altersstrukturen künftig weniger selbständige Tierärzte. Der Grund: In der auf die Rente zusteuernden Generation der „Baby-Boomer“ (50 Jahre und älter) überwiegen noch die Männer. Dort ist auch der Anteil der Selbständigen höher. Der Rückgang der „Ordinationen“ (wie es in Österreich heißt) werde Auswirkung auf die lokale/regionale Versorgungsdichte haben. Die Schweizer“ sprechen von „Gunsträumen“, von wirtschaftlich starken Städten oder Regionen mit guten Wertschöpfungsaussichten, in denen sich die Tierärzte ansiedeln. Wie man umgekehrt ländliche Räume oder gar abgelegene Alpentäler versorgen kann, ist völlig ungeklärt. Es fiel der Begriff „Wandertierärzte“.

Was können Verbände tun?

In drei Punkten herrschte Einigkeit:

  1. Gesellschaftliche Veränderungen kann man beklagen, aber nicht aufhalten.
  2. Es braucht mehr internationale Zusammenarbeit, um den Tierarztberuf als freien Gesundheitsberuf in Europa zu erhalten. Auch wenn etwa die EU und auch die Kunden das anders sähen: Tierärzte sind keine Dienstleister. Sie sind nicht nur für die tierische, sondern auch maßgeblich für die menschliche Gesundheit verantwortlich. Dafür, dass der Gesetzgeber diese Rolle bei allen Deregulierungsplänen anerkenne und ihr in der Rechtsetzung gerecht werde, müssen die Verbände kämpfen.
  3. Die Veränderung in den Praxen selbst können die Verbände am besten begleiten, indem sie professionelle Strukturen schaffen, über die sie Wissen und Erfahrungen aus der Branche sammeln und ihren Mitgliedern zur Verfügung stellen.   

Die Ziele und Schwerpunkte des bpt als Interessenvertretungder selbstständigen und angestellten praktizierendenTierärzte hat die Mitgliederversammlunggerade im Münchener Programm 2017 neu definiert. Parallel arbeitet die AG Praktiker 4.0 an einem Thesenpapier, das im Frühjahrvorgestellt werden soll.

Strukturwandel in Zahlen

SCHWEIZ

In der Schweiz gibt es rund 700 Praxis-/ Klinikinhaber und etwa 400 „Mitbesitzer“ (Kooperationsformen). Sie beschäftigen etwa 600 angestellte Tierärzte. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte hat in einer sogenannten „Laufbahnstudie“ über drei Jahrzehnte die Daten zur Arbeitssituation der Tierärzte ausgewertet. Der Fokus lag auf dem Vergleich der 30 bis 40jährigen, denn in dieser Zeitspanne fallen die (meisten) Entscheidungen für den beruflichen Lebensweg. Die Zahlen zeigen drei klare Entwicklungen – und sind in der Tendenz auf Deutschland und Österreich übertragbar:

Frauenanteil jetzt bei 75 Prozent
Vor 30 Jahren war lediglich rund ein Fünftel der Schweizer Tierärzteschaft weiblich. Heute stellen Frauen in dieser Altersgruppe mit gut drei Vierteln die klare Mehrheit.

Mehr als die Hälfte arbeitenTeilzeit
Parallel hat sich der „Beschäftigungsgrad“ stark verändert: Mitte der 1980er Jahre gab es praktisch noch keine Teilzeitarbeit (8%). Heute arbeitet schon mehr als die Hälfte der Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte nicht mehr Vollzeit. Zwischen Männern und Frauen ist der Unterschied dabei enorm: Im Alter von 30 Jahren arbeiten 95 Prozent der Männer Vollzeit, bei den Frauen nur 69 Prozent. Von diesen wechselt dann aber noch einmal 50 Prozent bis zum Alter von 40 Jahren in eine Teilzeitanstellung. Bei den Männern gibt es kaum nennenswerte Veränderungen. „Familiäre Gründe“ bilden mit Abstand das wichtigste Motiv für den Wechsel von einer Voll- zu einer Teilzeitbeschäftigung. Gefolgt vom Wunsch nach «Mehr Zeit für persönliche Interessen».

Nur noch ein knappes Fünftelder Tierärzte ist selbständig
Dazu passt dann eine dritte Entwicklung, die aber eine relative ist: Waren vor 30 Jahren in der Schweiz über 60 Prozent der 35-jährigen Tierärzte selbständig, so sind es heute nur noch 22 Prozent. Der Rest arbeitet als Angestellte. Im Verhältnis(!) hat sich die Zahl der Praxisinhaber also fast gedrittelt – absolut gesehen ist die Zahl der Selbständigen aber in etwa gleich geblieben. In der Schweiz beschäftigen inzwischen 67 Prozent der Praxen zwischen 3 und 10 Tierärzte. Nur noch ein Viertel sind Einzel- oder Zweimannpraxen

ÖSTERREICH

Von den insgesamt 3.034 Tierärzten in Österreich sind 44 Prozent Frauen. Seit 2011 hat sich die Zahl der „Dienstnehmer“, wie die Angestellten im Nachbarland bezeichnet werden, von 614 auf 897 deutlich gesteigert (+46%). Der Frauenanteil liegt hier bei 77 Prozent.  

Insgesamt gibt es 1.845 Praxen und 83 Kliniken. Während die Hälfte der Einzelpraxen von Frauen geführt wird, sind die Chefs in Praxen mit angestellten Tierärzten dagegen zu 62 Prozent männlich.

 
 
 
 
 
 
 
 

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