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03.04.2018

Berufspolitik in Bielefeld

Tierärztlicher Notdienst – ein Problem eskaliert

Notdienst: vielerorts ein ungelöstes Problem, das bei Praktikern mindestens Ärger auslöst. Mal klappt die Abstimmung mit benachbarten Praxen nicht, mal schadet selbstauferlegte „Kundenorientierung“, die zur Flohbehandlung am Sonntag führt. Wohl dem, dessen Praxis nahe einer „Tierärztlichen Klinik“ mit 24-Stunden- Bereitschaft liegt – doch neuerdings gehen die Klinikzulassungen zurück, weil das Arbeitszeitgesetz von 1994 in der Branche kaum bekannt ist und Angestellte kaum noch 80-Stunden-Wochen akzeptieren. Zu allem Überfluss sah die Tierärzteschaft stets die Kammern in der Pflicht, für flächendeckenden Notdienst zu sorgen. Doch ernsthaft erwartet niemand, dass die Kammern entscheidend zur Lösung beitragen.  

Bei der Bielefelder bpt-Intensivfortbildung für die Kleintierpraxis Ende Februar war die „Berufspolitische Stunde“ des bpt deshalb wieder dem Notdienst gewidmet – schon 2014 hatte man hier darüber diskutiert. Experten aus Praxis und Beratung versuchten eine Analyse der Situation und gaben Hinweise für individuell passende Lösungen.

Das Problem eskaliert

Schon lange ärgert viele Kollegen die Einteilung des Notdienstes oder das Abwerben von Patienten im Notdienst. Auch können immer weniger Einzelpraktiker am Notdienst teilnehmen, weil sie sich keine Angestellten leisten oder Kinder zu versorgen haben. Zugleich erwägen Inhaber „Tierärztlicher Kliniken“, ihre Klinikzulassung zurückzugeben, weil sie keine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft leisten wollen, wie sie die (meisten) Berufsordnungen fordern. Denn seit sich herumspricht, dass Angestellte im Bereitschaftsdienst auch bezahlt werden müssen und es außerdem gesetzliche Höchstarbeitszeiten gibt, sehen sich viele außerstande, diese höheren Personalkosten zu erwirtschaften. Auf Kliniken, die den Notdienst aufgeben, können benachbarte Einzelpraxen aber nicht verweisen.

Mehrdimensionales Problem

Die Bielefelder Diskussion offenbarte mehrere Problemfelder:

  • Problemakzeptanz: Die Dramatik wird unterschiedlich eingeschätzt. Während der baden-württembergische Kammerpräsident Dr. Thomas Steidl in seinem Kammerbereich selten Probleme mit Notdiensten wahrnimmt, meldete sich aus dem Publikum ein Kollege just von dort, der die Situation brenzlig sieht. Zumal für jede Narkose bei Notfall-OPs gemäß Leitlinien ein Sechs-Augen-Prinzip gelte, also neben dem Tierarzt noch mindestens zwei Fachangestellte arbeiten müssten.

  • Niemand will nachts: Die ehemalige Anicura-Managerin Kim Middeldorf konstatierte, immer weniger Mitarbeiter seien zur Nachtarbeit bereit. Sogar wenn korrekt bezahlt würde. Wer Kinder hat, möchte nachts ungern raus. Alleinerziehende können das gar nicht. Bislang, so Middeldorf, seien Tierärzte häufig während der Fachtierarztausbildung zum Notdienst eingeteilt worden – mit abflauendem Interesse am Erwerb des Titels schwinde auch der Mitarbeiterpool für Nacht- und Wochenendeinsätze.

  • Umsatz: Viele Inhaber meinen, ihre Mitarbeiter nicht korrekt bezahlen zu können. Viele haben bisher Notdienste angeboten, ohne gesetzliche Arbeitszeiten einzuhalten. Wer Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft bieten will, muss mehr Mitarbeiter einstellen und erheblich mehr Umsatz generieren, wie der betriebswirtschaftliche Praxisberater des bpt, Hans-Peter Ripper, darlegte (s. u.).

  • Nicht zuletzt: Oft geht es gar nicht um Notfälle, sondern um Bagatellen. Manche Tierbesitzer erwarten den Rundum-Sorglos-Service zu jeder Tag- und Nachtzeit, andere erkennen einen echten Notfall nicht.

  • Offen bleibt, wie tierartspezifische Versorgung gelingt – wie soll der Kleintierarzt das Kolikpferd behandeln, der Schweinefachmann die Magendrehung beim Hund?

Ein Berufsstand versucht die Selbstdiagnose: Helfersyndrom und „Angst vorm Geldverdienen“

Tierärzte haben ein großes Herz für Tiere, seltener für Kollegen. Der vermeintlich bedürftigen Klientel Dumpingpreise berechnen und gleichzeitig Angestellte unterbezahlen geht dabei Hand in Hand. Der Berater Georg Frey nannte es geradeheraus die „Angst vorm Geldverdienen“. Wer im Heilberuf seinen Lebensunterhalt verdient, tut sich je nach Persönlichkeitsstruktur damit schwer, fürs Helfen Geld zu verlangen. Berufliches Heilen wird mit freiwilligem Helfen verwechselt.

Angst vor der Kalkulation?

Berührungsängste vor der Preiskalkulation blockieren jede Lösung. So gesellschaftsfähig es ist, sich als Mathe-Versager zu outen, so gängig ist es bei Tierärzten, Preise nicht betriebswirtschaftlich zu kalkulieren, sondern bequem nach niedrigsten GOT-Sätzen – wobei oft noch abrechenbare Posten vergessen werden. Der Unwillen vieler Kollegen, tragbare Preise zu kalkulieren oder einen Notdiensteinsatz mit höchstem GOT-Satz in Rechnung zu stellen, zieht weitere Probleme nach sich – die beteiligten Mitarbeiter können so nicht angemessen entlohnt werden. Mit „GOT einfach“ ist kein Notdienst anzubieten.

Die Angst vor der Gewerbeaufsicht

Erst durch vereinzelte Kontrollen der Gewerbeaufsicht hat das Arbeitszeitgesetz von 1994 in jüngster Zeit einen Weg in die kollektive Wahrnehmung des Berufsstands gefunden. Aus Sorge, zu Strafzahlungen verurteilt zu werden, machen sich nun vermehrt Praxis- und Klinikinhaber Gedanken, wie sie den Arbeitseinsatz ihrer Angestellten gesetzeskonform gestalten könnten.

Ohne Problemakzeptanz keine Lösungsakzeptanz

Eine Lösung scheint zudem erschwert, weil die Berufsordnungen die Regelung des Notdienstes den Kammern zuweisen. Seit jeher verkünden Praktiker das Mantra, die Kammern seien von Beamten dominiert, und diese kennten sich nur begrenzt mit den Problemen ihrer praktizierenden Kollegen aus, sodass von dieser Seite kaum Fortschritte zu erwarten seien.

Wie weiter? - Einige Lösungsansätze

Es gibt keine sofort umsetzbare, einzige und bequeme Lösung.  

  • Wieviel Kundenservice will ich?
    Berater Frey riet zur Analyse der eigenenSituation: Welchen Service will ich bieten? 24-Stunden-Bereitschaft mit seinen hohen Kosten lohne nur für Wenige: Frey rät zur Strichliste, wie viele Fälle zwischen 24 und 6 Uhr vorkämen – meist gebe es fast keinen Umsatz. Der seltene Notfall müsse dann eben eine weitere Strecke fahren.
     

  • Mit Wertschätzung punkten
    Wer für seine Klinik zu wenig tierärztliches Personal finde, solle an seinem Arbeitgeberimage arbeiten, empfahl Middeldorf. Dazu gehöre ein transparentes Vergütungssystem. Doch das Wichtigste sei garnicht teuer: wertschätzender Umgang. Ein „Danke“ zur richtigen Zeit könne wertvoller sein als ein Gehaltsaufschlag. 

  • Umdenken erforderlich
    Ferner ist das erforderliche Personal ehrlich zukalkulieren. Middeldorf fordert ein Umdenken: „Es bringt nichts zu sagen: Ich musste früher auch 80 Stunden arbeiten.“ Das Arbeitszeitgesetz gelte schon lange, und behördliche Prüfungen seien keine leere Drohkulisse. 

  • Was kostet personeller Mehraufwand?
    Betriebswirtschaftlich betrachtet sind Notdienste Sonderdienste, die zusätzliche Mitarbeiter erforderten, erläuterte Ripper. Wer 168 Stunden je Woche Bereitschaft bieten wolle, müsse ca. 120 zusätzliche Stunden abdecken. Dies sei nur mit mindestens drei – bei durchschnittlichen Fehlzeiten durch Urlaub, Krankheit, Fortbildung eher vier! – zusätzlichen Vollzeit-Tierärzten möglich. Für jeden müsse auch eine Fachangestellte engagiert werden. Ripper schätzt, dass bei Zahlung angemessener Gehälter und einem Rechenwert von 20 Prozent für Verbrauchskosten auf eine Klinik Zusatzkosten von 60.000 Euro je Monat (720 TEuro/Jahr) zukommen. Diese müssten erst einmal verdient werden! Denn das Problem der 24-Stunden-Bereitschaft an sieben Tagen sei fehlende Auslastung.
     

  • Auslastung klären
    Die benötigten 60.000 Euro Zusatzumsatz bedeuten Ripper zufolge 130 Euro je Stunde. Trete nur alle fünf bis sechs Stunden ein Notfall auf, brauche die Klinik zur Kostendeckung ca. 700 Euro je Notfall. Diese Berechnung offenbart, dass 24-Stunden-Bereitschaft allein große Kliniken bieten können. Middeldorf warnte, dies als Einzelinhaber allein stemmen zu wollen: „Wer übermüdet nach 36 Stunden Arbeit einen Unfall verursacht, haftet.“ 

  • Kunden erziehen
    Zwei Drittel der Praxen haben keine angestellten Tierärzte, so Ripper. Die Inhaber müssten persönlich Notdienst leisten. Für sie sind häufige Bagatellfälle besonders ärgerlich. Deshalb forderte bpt-Vizepräsidentin Dr. Petra Sindern: „Wir müssen die Tierbesitzer erziehen!“ Nicht nur durch finanzielle Verdeutlichung, indem jeder Notdiensteinsatz nach GOT-Dreifachsatz abgerechnet werde. Vorabaufklärung lohne sich: Sie selbst erläutere auf ihrer Website, was ein Notfall sei und was nicht. 

  • Gönnen können
    Einer Klinik, die Tierbesitzern für Bagatellbehandlungen am Wochenende den dreifachen GOT-Satz abnehme, gönne er das von Herzen, so Dr. Stefan Gabriel von der bpt-Fachgruppe Kleintierpraxis. Und eben deshalb müsse man Abwerbung kaum fürchten.

  • Tierarzt „für die Nacht“?
    Europäische Nachbarländer kennen längst spezialisierte Nachtkliniken. bpt-Geschäftsführer Heiko Färber, der die Diskussion in Bielefeld moderierte, beschrieb das britische Geschäftsmodell: Berufsrückkehrerinnen werden für ein halbes Jahr trainiert, anschließend arbeiten sie regulär stets für sieben Tage (nachts), um danach zehn Tage frei zu haben, und erhalten dafür das doppelte Gehalt. Frey riet, den „Tierarzt für die Nacht“ anzudenken – der ausschließlich nachts arbeite, damit aber mehr verdienen sollte. Middeldorf beschrieb Nachtkliniken in den Niederlanden, bei denen es allerdings zu Qualitätsproblemen gekommen sei, als sie zu viele unerfahrene Tierärzte beschäftigten. 

  • Vier-Tage-Woche
    Aus der Pferdepraxis berichtete Dr. Carsten Vogt, einer der Arbeitgebervertreter im Arbeitskreis Angestellte Tierärzte des bpt: Er habe seine Mitinhaber überzeugt, für Vollzeit-Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche einzuführen. Dadurch wurde Zeit für nächtliche Einsätze frei. Moderate Preiserhöhungen (5 bis 10 Prozent) hätten Personalmehrkosten aufgefangen – die Kunden hätten sogar akzeptiert, dass samstags keine Routinebehandlungen mehr angeboten werden. Dies sollte auch Kleintierkollegen zu denken geben, gilt doch die Pferdeklientel als extrem anspruchsvoll. Auch bpt-Juristin Gabriele Moog riet, Vollzeitmitarbeiter nicht an allen Werktagen ganztags arbeiten zu lassen – sonst bleibe keine Luft für Nachtdienste.

  • Umbenennung in „Tierklinik“
    Wer aus Imagegründen den Begriff „Klinik“ favorisiere, könne legal den von den Kammern vergebenen Status als „Tierärztliche Klinik“ aufgeben und die Einrichtung einfach „Tierklinik“ nennen, riet Frey. Dies sei mit weniger Auflagen verbunden – ein Gerichtsurteil dazu sei auf der Internetplattform www.vetion.de nachzulesen.  

Fazit: Der Markt muss es richten

Eine zufriedenstellende Lösung der Notdienstregelungen kommt wohl erst, wenn die in Deutschland praktizierenden Tierärzte ohne jede Ausnahme für ihre hochqualifizierten Leistungen auch angemessene Preise fordern. Bis dahin werden erfolgreiche ausländische Geschäftsmodelle hier nicht funktionieren. Schulungs- und Beratungsangebote zum wirtschaftlichen Betrieb einer Tierarztpraxis gibt es, Tendenz steigend. Dann erst entsteht eine Win-Win-Situation – für Inhaber, Angestellte und Tierbesitzer.



 
 
 
 
 
 

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