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20.04.2018

Tour de Table

4-Länder-Treffen in Amsterdam

4-Länder-Treffen

Amsterdam, der künftige Sitz der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) war Treffpunkt für das diesjährige Vier-Länder-Treffen der Tierärzteverbände aus Dänemark (DDD), Deutschland (bpt), Frankreich (SNVEL) und den Niederlanden. Eingeladen hatte zu diesem mittlerweile sechsten Treffen im Vierer-Format die Royal Dutch Veterinary Organisation (KNVMD). Für den bpt mit dabei waren Präsident Dr. Siegfried Moder und bpt-Geschäftsführer Heiko Färber.

EU-Tierarzneimitterecht

Inhaltlich standen die Trilog-Verhandlungen zur EU-Tierarzneimittelverordnung im Mittelpunkt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die politischen Verhandlungen zu diesem 1:1 in den EU-Mitgliedsstaaten umzusetzenden Gesetzespaket noch unter bulgarischer EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr abgeschlossen werden. Grund genug, um noch einmal einen genauen Blick auf den bis dato bekannten Verhandlungsstand (s. Link zum Exklusv-Beitrag für bpt-Mitglieder unten) zu werfen und zu hinterfragen, an welchen Stellen ggf. noch Überzeugungsarbeit gegenüber Rat und Parlament zu leisten ist.. Zuletzt war es u. a. im Verbund mit den französischen Kollegen gelungen, einige wichtige Änderungsanträge des Parlaments zu verhindern.

Nationale Antibiotikapolitiken

Weiteres wichtiges Thema war die Erörterung der nationalen Antibiotikapolitiken. Alle vier Länder waren und sind sehr ambitioniert bei der Senkung des Antibiotikaverbrauchs. Die Wege sind jedoch höchst unterschiedlich. Ziel dieses Treffens war und ist deshalb, voneinander zu lernen, um gute Ideen in die jeweils nationale Diskussion einbringen zu können. Aktuell informierte Dr. Carsten Jensen, Präsident des dänischen Tierärzteverbandes über die erst wenige Tage alte neue Gesetzgebung in Dänemark zum „Gelben-Karten-System“, die im Kern eine Lockerung der bislang stringenten tierärztlichen Kontrollbesuche bei den landwirtschaftlichen Betrieben vorsieht. Welche Auswirkungen auf den Antibiotikaverbrauch in Dänemark das haben wird, bleibt abzuwarten. Weiteres wichtiges Thema ist in Dänemark der von der Fleischindustrie zum 1. Januar 2019 vorgeschriebene Einsatz von Lokalanästhetika bei der Ferkelkastration. Der dänische Tierärzteverband ist zwar mit dieser Lösung nicht glücklich, arbeitet nun aber gemeinsam mit der Landwirtschaft an der Sachkundeschulung für Tierärzte und Landwirte. Die französischen Vertreter informierten, dass es in Frankreich gelungen ist, den Einsatz von Antibiotika um 37 % und den Einsatz von kritischen Antibiotika um 70 % in den letzten 5 Jahren zu senken. Grund sei u. a. die Einführung einer Antibiogrammpflicht für kritische Antibiotika. Mit der neuen französischen Regierung werde derzeit darüber diskutiert, ob und ggf. welche bürokratischen Entlastungen für Tierärzte in Zukunft erreichbar sind. Im Mittelpunkt der niederländischen Präsentation stand die derzeit durchgeführte Umfrage zu den Erfolgsfaktoren für einen verringerten Antibiotikaeinsatz. Die groß angelegte Studie wird unter Federführung der Universität Wageningen durchgeführt. Befragt werden sowohl Tierärzte wie Landwirte. Mit ersten Ergebnissen ist im Herbst d. J. zu rechnen. Die Studienergebnisse werden dann u. a. auch im Rahmen des bpt-Kongresses 2018 in Hannover vorgestellt.

Antibiotika-Diplomatie erforderlich!

Von deutscher Seite wurden die wesentlichen Änderungen der TÄHAV-Novelle sowie das im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte Rabattgutachten vorgestellt. Deutliches Augenmerk wurde vom bpt aber auf den zukünftigen Umgang der tierärztlichen Organisationen mit den internationalen Organisationen WHO, OIE, FAO und WTO gelegt, zumal mit Dr. Rens van Dobbenburgh und Dr. Maike van den Berg die Vorsitzenden der Arzneimittelausschüsse des Europäischen Tierärzteverbandes (FVE) und des Welttierärzteverbandes (WVA) mit am Tisch waren. Vor allem wissenschaftliche Stellungnahmen und Empfehlungen dieser Organisationen führen in Deutschland regelmäßig zu einer oft unsachgemäßen öffentlichen Debatte, die in der Konsequenz den politischen Handlungsdruck erhöht und zu weiteren Regulierung der Tierärzte führt. Geschäftsführer Färber berichtete dazu von seinem Gespräch bei der WHO, von wo er den Eindruck mitgebracht hat, dass bei der WHO leider viel zu wenig von den vielfältigen Bemühungen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes und zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen in der EU und den einzelnen Ländern bekannt ist. Dies sei nicht nur bedauerlich, sondern brandgefährlich, da mit wissenschaftlichen Stellungnahmen und Empfehlungen der WHO regelmäßig politischer Druck aufgebaut wird. Deshalb bedürfe es dringend mehr Kommunikation v. a. mit der WHO, um bei künftigen Studien oder Empfehlungen sicherzustellen, dass Europa nicht in den gleichen Topf mit Vielverbraucherländern aus Südamerika und Asien geworfen werden. Die Anregung für die Entwicklung einer entsprechenden „tierärztlichen Antibiotika-Diplomatie“ innerhalb von FVE und WVA fand breite Zustimmung.

Vet Futures

Weitere Themen waren die aktuell in allen vier Ländern diskutierten Überlegungen zur Neuaufstellung bzw. strategischen Neuausrichtung der allesamt auf freiwilliger Mitgliedschaft basierenden Tierärzteverbände. Während Dänemark vor einigen Jahren bereits mit seinem „3-Kammer-System“ vorgelegt hat, setzten die niederländischen Kollegen zum 1. Dezember die größte Strukturreform ihres Verbandes in den letzten 150 Jahren um. Dabei geht es v. a. darum, zukünftig Praxen als Unternehmen sowie auch Corporates mit in den Verband aufnehmen zu können, aber auch um gezielte Serviceleistungen für unterschiedliche Mitgliedergruppen. Ähnliches wird in Frankreich unter dem Stichwort Vet-Futures diskutiert, wobei der größte strukturelle Nachteil des französischen Verbandes ist, dass er ausschließlich für Praxisinhaber als Mitglied offen steht, also weder Praxen noch angestellte Tierärzte Mitglieder sein können. Ende 2018 soll der Diskussionsprozess in Frankreich abgeschlossen sein, so dass in 2019 Entscheidungen für eine Neuaufstellung des Verbandes getroffen werden können. Von Präsident Dr. Moder wurde über die im bpt laufenden Arbeiten zum Praktiker 4.0 sowie die vielfältigen Aktivitäten des bpt in Richtung angestellte Tierärzte (Vergütungsempfehlungen, Musterarbeitsvertrag, Arbeitszeiterfassung etc.) und Studierenden berichtet.

Ökonomie in der Tiermedizin

Breiten Raum nahmen auch Diskussionen zu der vom bpt angestoßenen und im Rahmen eines Wahlpflichtfaches an der TiHo in diesem Sommersemester 2018 angestoßenen Aktivitäten zum Thema „Ökonomie in der Tiermedizin“ ein. In den Niederlanden (Universität Utrecht) wird ein ähnliches Fach bereits seit Jahren gelehrt, in Dänemark und Frankreich ist ein solches Fach bislang nicht im Curriculum verankert. Es bestand große Einigkeit, dass aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung aber kein Weg daran vorbei führt, Ökonomie künftig im Curriculum als Pflichtfach zu verankern. Thema war in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung und Aktivität externer Investoren im Tierärztemarkt. Neben einer aktuellen Bestandsaufnahme wurde die Einrichtung einer Arbeitsgruppe der 4 Verbände beschlossen, der auch ein Kollege aus Großbritannien (British Veterinary Association, BVA) angehören soll. Ziel der Arbeitsgruppe ist die Entwicklung einer proaktiven Herangehensweise und Leitlinien zu diesem Thema.   Das nächste Treffen wird der Tradition folgend in 2019 dann in wieder Deutschland stattfinden.            

 
 
 
 
 
 
 
 
 

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