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EU-Politik und FVE

 

Tierarzneimittelrecht auf der Zielgeraden

Frühjahrstagung der europäischen Tierärzteverbände in Norwegen

Frühjahrstagung 2018

Vom 6. bis 9. Juni 2018 fanden die Frühjahrstagungen des Europäischen Praktikerverbands Union of European Veterinary Practitioners (UEVP) und des Dachverbands Federation of Veterinarians of Europe (FVE) im norwegischen Bergen statt. Den bpt vertraten Präsident Dr. Siegfried Moder, die 1. Vizepräsidentin Dr. Petra Sindern, Präsidiumsmitglied PD Dr. Andreas Palzer, Geschäftsführer Heiko Färber und Europareferentin Gabriele Moog.

Die norwegische Premierministerin Erna Solberg hatte es sich nicht nehmen lassen, die Teilnehmer in einer Videobotschaft in Norwegen und ihrer Heimatstadt Bergen willkommen zu heißen. Dabei legte sie den inhaltlichen Schwerpunkt auf die AMR-Problematik und den „One Health Ansatz“, der, so Solberg, gemeinsam mit der Humanmedizin weltweit vorangetrieben werden müsse.

Bei der UEVP standen neben dem EU-Tierarzneimittelrecht die Themen Tierschutz (z.B. Qualzucht, Kaninchenhaltung, Ferkelkastration/Schwänzekürzen), Aus- und Weiterbildung, das Voranschreiten der Afrikanischen Schweinepest (der in Europa auftretende Virus-Typ erweist sich als sehr robust) sowie die Prionen-Hirscherkrankung „Cronic Wasting Disease“/Chronische Auszehrungskrankheit, die derzeit Norwegen heimsucht, auf der Agenda. Mit Blick auf die zunehmende Nutzung alternativer Medikamente (Pflanzenextrakte und „Natur“- Präparate) wird mittelfristig die Einrichtung einer neuen Arbeitsgruppe erwogen. Bei diesen vermeintlich „harmlosen Präparaten“ könne es schließlich auch nennenswerte Rückstände geben, sodass auch hier Kontrolle unerlässlich ist. Zugleich werden die entsprechenden Produkte interessanter, seit die Suche nach Alternativen zu Antibiotika sich ausweitet. Außerdem wurden von Präsident Dr. Moder die Eckpunkte und Praxisprobleme der neuen (deutschen) TÄHAV vorgestellt.  

Mental Health/Veterinary Well-Being

Zwei viel beachtete Gastreferate von Rosie Allister von der Universität Edinburgh und Nick Stuart von der Society of Practising Veterinary Surgeons (SPVS) widmeten sich dem Wohlbefinden der Tierärzte (Mental Health/Veterinary Well-Being). In der Arbeitsplatzgestaltung, im kollegialen Miteinander und vor allem der wertschätzenden Kommunikation im Team sowie zwischen Chefs und Mitarbeitern sehen die britischen Kollegen große Verbesserungspotenziale für die tierärztliche Praxis. Entscheidend dafür aber ist die Personalführung durch die verantwortlichen Chefs/Geschäftsführer, die Mental Health/Well-Being zu einem „wichtigen Praxisthema“ machen müssen. In Großbritannien ist die Thematik derzeit das Top-Thema in der Tierärzteschaft, wohl auch vor dem Hintergrund, dass das Angebot entsprechender Programme fast schon unerlässlich ist, um überhaupt noch angestellte Tierärztinnen und Tierärzte auf dem Markt zu finden. Britische Tierärzteorganisationen haben sich deshalb unter dem Stichwort „vetlife“ zahlreiche eindrucksvolle Hilfsangebote einfallen lassen, an denen sich die britischen Praxen orientieren können. 

EU-Tierarzneimittelrecht

Top-Thema bei der Delegiertenversammlung der FVE an den beiden Folgetagen war die EU-Tierarzneimittelverordnung, die nach gut achtjähriger Diskussion nun kurz vor der Verabschiedung steht, nachdem sich EU-Parlament, Rat und Kommission Anfang Juni noch unter bulgarischer Präsidentschaft im Rahmen der Trilogverhandlungen auf einen gemeinsamen (politischen) Standpunkt geeinigt haben. Es wird nun Aufgabe der österreichischen Präsidentschaft im 2. Halbjahr 2018 sein, die formalen Beschlüsse in Parlament und Rat herbeizuführen. Auch wenn es lange nicht danach ausgesehen hat, aber der jetzt verabschiedete Kompromiss enthält schlussendlich sehr viele der Forderungen, die von FVE und bpt seit Jahren vorgetragen werden: Erhalt des Dispensierrechts, kein Internethandel für verschreibungspflichtige Tierarzneimittel, Verschreibung nur durch einen Tierarzt (und nicht durch eine qualified person), Erhalt der Umwidmungskaskade und Festlegung/Beschränkung kritischer Wirkstoffe nur auf wissenschaftlicher Grundlage. Einziger Wehrmutstropfen: Die EU will (noch) mehr Dokumentation, insbesondere bei der Anwendung (Ausbau ESVAC). Wie das genau aussehen soll, bleibt abzuwarten, da hier v. a. die EUKOM am Zug ist (delegierte Rechtsakte).

Demografie im Tierarztberuf

Nach einem ersten Durchgang in 2015 steht in diesem Jahr die zweite Studie zur Demographie im Tierarztberuf an. Die europaweite Umfrage soll im Oktober 2018 beginnen und Erkenntnisse zur aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Situation in den einzelnen Ländern zu Tage bringen, um einerseits einen Vergleich zwischen den Ländern zu ermöglichen (Benchmarking) und zum anderen als wertvolles politisches Werkzeug für die Lobbyarbeit der FVE in Brüssel verwendet werden kann. Der bpt ist durch seinen Geschäftsführer Heiko Färber in die Erstellung des Fragebogens eingebunden und wird selbstverständlich die FVE bestmöglich bei der Verteilung unterstützen, um möglichst viele Rückantworten zu bekommen.

VetFutures

Zum Projekt „Vet Future“, das den Zukunftsperspektiven des tierärztlichen Berufsstands nachgeht, hat die französische Arbeitsgruppe unter Leitung des früheren FVE-Präsidenten Christophe Buhot eine erste Zwischenbilanz ihrer „Strategie 2030“ präsentiert. Drei Kernthemen stehen derzeit im Vordergrund: Karrierewege und Perspektiven des Berufs, die Initiierung eines Nachwuchs-Netzwerks sowie Informationen zu Praxis-Kostenstrukturen. Bemerkenswert: Selbst im strukturkonservativen Frankreich gehen 2/3 der Tierärzte davon aus, dass Telemedizin eine künftig große Rolle auch in der tierärztlichen Praxis spielen wird. Und über 70 % der französischen Kolleginnen und Kollegen glauben, dass die Einzelpraxis als „business model“ ein Auslaufmodell ist.

Weitere Themen der Tagung waren Aus- und Weiterbildungsfragen, die künftige Verfügbarkeit von Arzneimitteln nach dem Brexit sowie Tierschutzfragen. bpt-Präsidiumsmitglied PD Dr. A. Palzer ging in einem kurzen Beitrag auf das Thema Schwänzekürzen/Schwänzebeißen ein, für das bisher kaum eine Lösung in Sicht ist. Dazu ist eine engere Zusammenarbeit von FVE und der European Association of Porcine Health Management/ EAPHM vorgesehen. Auch die Kommunikation mit der EU-Kommission sei „ausbaufähig“. So müsse nicht nur klar geprüft werden, ob Schwänze gekürzt wurden, sondern auch, ob Beißvorfälle erkennbar seien.  

Positionspapiere

Die Delegierten verabschiedeten zudem drei Positionspapiere, eines zum Thema Qualzuchten, ein weiteres zur Fort- und Weiterbildung und ein drittes zur visuellen Fleischbeschau unter Zuhilfenahme von Videotechnik (Hinweis: Die Positionspapiere finden sich auf der bpt-Homepage/intern). Ein viertes Papier zum Thema Echinococcus wurde wegen Änderungsbedarfs bis Ende 2018 zurückgestellt. Von der Arbeitsgruppe „Statutory Bodies“ wurde eine aktualisierte und modernisierte Fassung der FVE-Position zum Veterinary Act und zum Code of Conduct (tierärztlicher Verhaltenskodex) vorgelegt.  

Datenschutz

Auch bei den FVE-Mitgliedern ist die Verwirrung um die neue EU-Datenschutz- Grundverordnung groß. Dankbar angenommen wurde deshalb ein Gastreferat der bpt- Juristin Gabriele Moog zu den neuen Regeln.

Und wie kann es anders sein, natürlich darf in Norwegen das Thema Aquakultur nicht fehlen. Ole Kristian Kaurstad, CEO von Scanvacc, zeigte in seinem Vortrag nicht nur auf, wie man durch Impfung seit Anfang der 90er Jahre fast vollständig auf den Einsatz von Antibiotika in der Lachszucht verzichten kann. Er führte auch aus, dass die Rolle der Tierärzte im Bereich der Aquakultur wieder wichtiger werde und ein attraktives Beschäftigungsfeld biete. Gleiches wurde übrigens am Vortag auch für den Bereich „Insekten“ berichtet.

 
 
 
 
 
 
 
 
 

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