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06.10.2011

Notwendige Korrekturen aus tierärztlicher Sicht

Die Nutztierhaltung in Deutschland steht in zunehmendem Maß in der öffentlichen Kritik. Aspekte des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, des Tierschutzes und des verantwortungsvollen Umgangs mit der Umwelt werden gegen die fortschreitende Intensivierung der Tierhaltung ins Feld geführt.

Die praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzte sind eng in die Nutztierhaltung und deren Produktionsprozesse eingebunden. Sie sind maßgeblich für die Gesundheit, die Leistungserhaltung und die Krankheitsprophylaxe der Tiere verantwortlich und tragen dadurch wesentlich zur Sicherstellung der Lebensmittelproduktion unter Beachtung des Tierschutzes und der ökonomischen Effizienz bei.

Durch ihre fundierte wissenschaftliche Ausbildung und die Verpflichtung zur regelmäßigen Fortbildung sind Tierärzte befähigt, die Bedürfnisse der Tiere, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden gemäß dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu beurteilen. Diese Fachkompetenz ist die Voraussetzung für eine tiergerechte Nutztierhaltung und deren Realisierung in enger Zusammenarbeit mit dem Tierhalter. Gleichwohl sind Tierärzte nicht für Missstände in landwirtschaftlichen Betrieben verantwortlich. Im Rahmen der Bestandsbetreuung sind sie zwar beratend tätig, aber die Umsetzung tierärztlich empfohlener Maßnahmen liegt in aller Regel in der Verantwortung des Tierhalters.

Tierärzte sind durch ihr ethisches Berufsverständnis nicht nur dem Tier sondern auch dem Menschen verpflichtet. Daher stellt sich der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) stellvertretend für die praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland der politischen Diskussion zur Zukunft der Nutztierhaltung. Als Ergebnis einer umfassenden Diskussion innerhalb des Verbandes fordert der bpt, die nachfolgenden Aspekte verstärkt in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte zu stellen:

Betriebsgrößen

Eine Beschränkung von Betriebsgrößen ist aus fachlicher Sicht nicht zu vertreten. Unterschiedliche Größen und Formen der Tierhaltungen erfordern unterschiedliche Konzepte, die den Ansprüchen der Tiere gerecht werden müssen. Die Erfordernisse dieser Konzepte hinsichtlich Aufstallungsformen, Fütterungsanlagen, Tränke- und Lüftungseinrichtungen etc. müssen bei der Planung und Genehmigung berücksichtigt werden. Maßnahmen zur Sicherstellung der Biosicherheit und des Umweltschutzes sind in hohem Maße von Betriebsform und Größe des Bestandes abhängig und müssen bei der Genehmigung fachlich geprüft werden.

Personal

Die Sicherstellung der fachlichen Kompetenz des Betriebspersonals ist im Gegensatz zur Bestandsgröße von zentraler Bedeutung für das Tierwohl. Die Einführung eines Sachkundenachweises für Personen ohne landwirtschaftliche Ausbildung ist ein probates Mittel zur Verhinderung von Missständen. Bei nachgewiesenen Verstößen muss der Sachkundenachweis entzogen oder mit Auflagen versehen werden. Zuständig sind hierfür die für die Kontrolle der Betriebe verantwortlichen Veterinärbehörden.

Zootechnische Maßnahmen

Prophylaktische Eingriffe in die Integrität von Tieren werden grundsätzlich abgelehnt. Die bisher üblichen Maßnahmen müssen wissenschaftlich auf ihren Nutzen und ihre Notwendigkeit hin überprüft werden. Ist ein entsprechender Eingriff nach tiermedizinischer Indikation erforderlich, muss dieser nach den Vorgaben des "Veterinary Act" von einem Tierarzt durchgeführt werden. Dabei ist in jedem Fall die schonendste, unter den Bedingungen der täglichen Praxis mögliche Methode zu wählen. Das bedeutet auch, dass derartige Eingriffe unter bestmöglicher Schmerzausschaltung durchzuführen sind.

Haltungssysteme

Haltungssysteme müssen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet sein, um sicher zu stellen, dass die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigt sind. Die Einführung obligatorischer Prüf- und Testverfahren für Tierhaltungssysteme ist deshalb anzuraten.

Tierschutzindikatoren

Um das „Tierwohl“ objektiv beurteilen zu können, müssen geeignete, allgemeinverbindliche Tierschutzindikatoren, die frühzeitig auf dauerhafte Beeinträchtigungen des Wohlbefindens der Tiere hinweisen, auf wissenschaftlicher Basis weiterentwickelt und angewendet werden. Die bisher dokumentierten Tiergesundheitsfaktoren, wie etwa gehäuft auftretende Krankheiten, sinkende Leistung der Tiere, die Rückmeldungen von Krankheitsbefunden aus den Schlachtstätten (Lebensmittelketteninformation) etc., sind dabei wichtige, jedoch nicht ausreichende Anzeichen.

Tierärztliche Bestandsbetreuung

Erfassung, Analyse und Bewertung der für die Prozesssicherheit und Produktqualität relevanten Faktoren in den landwirtschaftlichen Betrieben müssen flächendeckend, planmäßig und kontinuierlich erfolgen. Dies sollte z. B. gemäß den fachlich und inhaltlich definierten Leitlinien des bpt zur integrierten tierärztlichen Bestandsbetreuung geschehen.
Entscheidend für die Umsetzung einer in die Urproduktion integrierten Bestandsbetreuung ist, dass die in den Leitlinien festgesetzten Besuchsintervalle nicht beliebig zwischen Tierarzt und Landwirt festgelegt werden, sondern konkret im Rahmen eines Qualitätssicherungssystems oder durch den Gesetzgeber verbindlich gemacht werden (siehe dazu Leitlinien Bestandsbetreuung).

Verantwortungsvoller Umgang mit Arzneimitteln

Haltungs-, Hygiene- und Tierschutzdefizite dürfen nicht durch den Einsatz von Arzneimitteln, speziell antimikrobiellen Substanzen, kompensiert werden. Andererseits erfordern aber der Tierschutz und die Verantwortung gegenüber dem Mitgeschöpf, dass kranke Tiere angemessen behandelt werden.

Der Einsatz von Antibiotika darf deshalb nur nach tierärztlicher Untersuchung und Diagnose entsprechend den gesetzlichen Vorgaben erfolgen. Gemeinsam mit dem Gesetzgeber muss der verantwortungsvolle Umgang mit Tierarzneimitteln mittels konkreter Leitlinien, wie den Antibiotikaleitlinien und dem Leitfaden für die Orale Medikation, weiter gestärkt werden.
Bestehende Erfassungs- und Kontrollinstrumente des Arznelmittelverkehrs müssen weiterentwickelt werden
, um bessere Erkenntnisse zur Entstehung und Verbreitung von Antibiotikaresistenzen zu erhalten. Zu berücksichtigen ist dabei, dass damit ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn verbunden sein muss und für den praktizierenden Tierarzt kein unnötiger Bürokratieaufwand entstehen darf.

Reduktion des Antibiotikaeinsatzes

Neben der Integration der tierärztlichen Bestandsbetreuung in die landwirtschaftliche Tierhaltung sind als Bestandteil dieser verstärkt vorbeugende Schutzimpfungen in den Tierbeständen einzusetzen. Dadurch können Krankheiten verhindert und infolgedessen die Anwendung von Antibiotika reduziert werden, ohne die Tiergesundheit und damit das Tierwohl zu gefährden.
Eine schnelle Diagnose und die frühzeitige Behandlung verbessern die Heilungsaussichten, verkürzen die Behandlungsdauer und reduzieren so gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika. Deshalb ist es nötig, unter definierten Voraussetzungen gesetzliche Bedingungen zu schaffen für eine gezielte, postmortale Organentnahme zu diagnostischen Zwecken durch den praktizierenden Tierarzt .

Tierseuchenbekämpfung

Die derzeitige Bekämpfungsstrategie von hochkontagiösen Tierseuchen hat in der Vergangenheit zu teilweise großen Tierverlusten mit kaum beherrschbaren wirtschaftlichen Folgen für die gesamte Branche und die Gesellschaft geführt. Durch den Einsatz von Impfungen zur Verhinderung der Seuchenausbreitung lassen sich Tierverluste begrenzen und Kosten reduzieren. Daher ist es wichtig und notwendig, dass der Gesetzgeber bei der Bekämpfung hochkontagiöser Seuchen Impfungen in die Bekämpfungsstrategie aufnimmt.
Gleichzeitig sind von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Regelungen zu treffen, die Absatz und Handel von Fleisch geimpfter Tiere aus solchen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen sicherstellen.

 
 
 
 
 
 

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