23.09.2026
Über 100 Teilnehmende aus Praxis, Klinik, Industrie und Wissenschaft nahmen am diesjährigen DACH-Wirtschaftsforum am 15./16. September in Freiburg im Breisgau teil. Im Mittelpunkt dieses einzigartigen Formats standen auch bei dessen vierter Ausgabe wieder aktuelle strategisch-wirtschaftliche Branchenthemen. Und natürlich das intensive Netzwerken, wozu es bei der kulinarischen Stadtführung und dem anschließenden Empfang auf dem Freiburger Schlossberg reichlich Gelegenheit gab. „Wir freuen uns sehr, dass die Teilnehmer die Gelegenheit genutzt haben, um mit uns den Blick weg von der fachlichen Tiermedizin hin zur Wirtschaftlichkeit und zukunftsorientierten Ausrichtung der Praxis zu richten“, sagte bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder zum Abschluss des gemeinsam von Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt), Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) und Österreichischer Tierärztekammer (ÖTK) ausgerichteten Forums. Bereits in seinem Eingangsstatement macht Moder auch deutlich, welche Aufgabe er für den bpt dabei sieht: „Ich glaube, unsere wichtigste Aufgabe ist es, den unternehmerischen Freiraum für gute Tiermedizin wieder zu vergrößern. Lassen Sie uns zusammen für weniger Bürokratie und eine tragfähige GOT kämpfen, für mehr Mut zur Selbständigkeit und mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit einsetzen.“
Teilzeit
ist die neue Vollzeit, Angestellt ist das neue Selbstständig
Mit
Vorab-Einblicken in den aktualisierten Tierärzteatlas, die Umfrage der GST und
KI-Projektionen der ÖTK sowie den Ergebnissen des aktuellen VetSurvey des
Europäischen Tierärzteverbandes (FVE) wurden die Grundlagen gelegt, um Trends
und Entwicklungen zu vergleichen und daraus Schlüsse zu ziehen. Interessant: In
Österreich werden statt Umfragen Zukunftsszenarien mit Hilfe von
KI-Projektionen berechnet. U.a. soll damit modelliert werden, was passiert,
wenn alle Tierärzte/innen im Rentenalter auch tatsächlich in Rente gehen
würden. In einigen Gebieten in Österreich gäbe es dann keine tiermedizinische
Versorgung mehr. Ähnlich dürfte das auch in verschiedenen Regionen Deutschlands
der Fall sein – belastbare Daten fehlen hier allerdings. Gemeinsam ist allen vorgestellten
Daten, dass der Anteil an Teilzeitarbeit weiterhin ansteigt und das nicht nur
bei den Frauen. Auch die Anzahl der Angestellten steigt, während die Zahl der
Selbstständigen zurückgeht. Konnten Frauen in den zurückliegenden Jahren den
Inhaberrückgang noch ausgleichen, ist das nun nicht mehr der Fall. Was das
konkret für die tiermedizinische Versorgung bedeutet, wurde diskutiert. Was
dagegen getan werden kann auch, denn darüber gibt eine Umfrage des Verbunds
unabhängiger Kleintierkliniken (VUK), der Wirtschaftsgemeinschaft Freier
Großtierärzte und des bpt Aufschluss, deren Ergebnisse die Zweite
bpt-Vizepräsidentin Dr. Maren Püschel vorstellte: Immerhin fast ein Drittel der
Befragten gab an, sich innerhalb der kommenden 5 Jahre selbstständig machen zu
wollen. Nur 20% konnten sich eine Selbstständigkeit gar nicht vorstellen.
Bürokratieabbau ergibt sich als dringlichste Aufgabe, denn mehr als 50% der
Befragten gab an, in der überbordenden Bürokratie und komplexen rechtlichen
Anforderungen das größte Hindernis für die Selbstständigkeit zu sehen.
Zusätzlich war die Sorge vor der Vereinbarkeit von Familie/Freizeit und Beruf
ein wesentlicher Hinderungsgrund, obwohl gerade der Aspekt der tierärztlichen
wie unternehmerischen Freiheit sehr attraktiv empfunden wurde. Gerade im
Bereich Mutterschutz für Selbstständige gibt es Nachbesserungsbedarf, weshalb
sich der bpt schon länger im Bündnis Mutterschutz für Selbstständige engagiert.
Nachhaltig
ist nicht nur Bio
Das
Nachhaltigkeit weit mehr bedeutet, als auf CO²-Emissionen zu achten, erläuterte
Dr. Jeannete Kessels von der World Veterinary Environmental Alliance (WVEA),
die eigens aus Australien angereist war. Natürlich geht es auch um
Müllvermeidung, Recyclingprodukte und den sparsamen Einsatz von Medikamenten,
Strom und anderen Ressourcen. Dass das aber auch die Praxisabläufe effizienter
macht, Geld an einigen Stellen einspart und ggf. sogar Möglichkeiten für
Investitionen eröffnen kann, hatten vermutlich nicht alle im Kopf. Wussten Sie
z.B., dass gut 73% der verwendeten Einmalhandschuhe unnötig verbraucht werden?
Nachhaltig sein, so Jeannet Kessels, bedeute nicht in erster Linie Verzicht,
sondern sei das Gebot wirtschaftlicher Praxisführung. Übrigens: Die Nachhaltigkeit
der tierärztlichen Praxen zu fördern, ist eines der Top-Themen des bpt. Deshalb
hat sich der bpt bereits im letzten Jahr der World Veterinary Environmental
Alliance (WVEA) angeschlossen.
Herzenssachen
Mit
seiner energiegeladenen Keynote lenkte anschließend der aus Fernsehen und
Social Media bekannte Kardiologe Dr. Nana Mimpong-Buta (Herzensdoc Nana), das
Augenmerk auf die persönliche Fürsorge. Denn wie soll man für andere da sein,
wenn man selbst zusammenbricht? Mit viel guter Laune und eindrucksvollen Zahlen
vermittelte der Spiegel-Bestsellerautor wertvolle und vor allem leicht
umzusetzende Tipps zu Stressreduktion, Resilienz und positiver
Lebenseinstellung für den Praxisalltag. Denn Stress ist weder fürs Herz noch
für die Psyche gut. Fazit: Sogar das Herz macht Pause, um die eigene
Blutversorgung zu ermöglichen, und zwar in der Diastole. Analog dazu sind
Pausen zur Regeneration auch für uns Tierärzte/innen enorm wichtig und gehören
einfach dazu.
„Man
kann nicht nicht kommunizieren!“
Dieser
60 Jahre alte Satz von Paul Watzlawick wurde den Teilnehmenden eingehend im
Themenblock zur modernen Praxiskultur nahegebracht. Ob Fachkräftemangel,
Fehlerkultur oder die Wirkung bestimmter Formulierungen – wir alle wissen, dass
Druck und Zeitmangel zu Missverständnissen führen können. Wichtig ist und
bleibt dabei, dass Mitarbeitende wie Führungskräfte das Bedürfnis haben,
ernstgenommen und mit Problemen nicht alleingelassen zu werden. Das zu
erreichen, ist ein wesentliches Element der Kommunikation auf Führungsebene.
Tierarztpreise
im Fokus
Zum
Abschluss ging es dann auch noch ‚ums Geld‘. Leitfrage war: „Ist moderne
Tiermedizin in Europa zu teuer geworden?“.
Auf dem Podium beleuchteten Dr. Sophie Deleu (Niederlande), Dr. Wolfgang
Dohne (Großbritannien), Mag. Dietmar Gerstner (Österreich), Dr. Gregor Schmid
(Schweiz) und Dr. Kai Kreling (Deutschland, Vorsitzender BTK-Gebührenausschuss)
die Preisentwicklung in ihren Ländern und wie die Politik darauf reagiert.
Dabei wurde deutlich: Die Preise für Tiermedizin sind in überall stark
gestiegen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Tiermedizin in
Deutschland aber nach wie vor nicht teuer. Und: Corporatisierung hat zwar in
allen Ländern Einfluss auf das Preisniveau, ohne Corporates ist aber eine
flächendeckende Versorgung künftig kaum mehr möglich. Großes Thema ist in allen
Ländern die Transparenz tierärztlicher Leistungen für Tierhalter/innen und
damit die Preiskommunikation. Sebastian Graf von Keyserlingk
(Unterabteilungsleiter im BMLEH), der eigens für die Diskussionsrunde nach
Freiburg gekommen war, machte mit Blick auf die GOT-Evaluierung deutlich, dass
eine verständliche und aktive Kommunikation der Tierärzteschaft über
Kostenstrukturen und Behandlungsstandards notwendig sei und von der Politik
erwartet werde. Natürlich wisse man um die gestiegenen Praxiskosten, müsse aber
auch die Leistungsfähigkeit der Tierhalter/innen im Blick behalten. Darüber
hinaus wurde über die Sinnhaftigkeit von Kostenvoranschlägen,
Tierkrankenversicherungen, Goldstandards vs. pragmatische Lösungen und sogar über
Patientenverfügungen für Haustiere diskutiert.
Ein besonderer Dank geht an die Sponsoren des DACH-Wirtschaftsforums, die Firmen Böhringer Ingelheim, Vet-Concept, Vetstage und die WDT, die entscheidend zum Gelingen beigetragen haben.
Das nächste DACH-Wirtschaftsforum wird im kommenden Jahr am 16. und 17. September in St. Gallen in der Schweiz stattfinden.
Ansprechpartner:
Heiko
Färber (bpt-Geschäftsführer)
Tel.:
0170-8565248
E-Mail:
bpt.faerber@tieraerzteverband.de
Die Fotos dürfen im Zusammenhang mit der Meldung verwendet werden (@bpt/Gomm).